Sechs Uhr morgens. Ein weiterer Tag im Leben Claudes, den er auf seinem Balkon verbringen wird, während der Kindergarten, den seine Schwester betrieben hat, unter ihm verwaist daliegt. Zwei Kinder, Guy und Jacques Colin, wurden von den tontons macoutes als Geiseln genommen. Wie konnte die Miliz ihr Versteck finden? Der Tagesablauf verschwimmt mit den Erinnerungen und Träumen Claudes, den immerfort dieselbe Frage quält: Wer hat Guy und Jacques Colin verraten? In »Wer hat Guy und Jacques Colin verraten?« erzählt Anthony Phelps nicht nur die ergreifende Geschichte über die Zerrissenheit eines jungen Mannes zwischen der Furcht vor dem Regime und dem Drang nach dem Aufbegehren, zwischen Rebellion und Lähmung, er liefert zugleich ein einfühlsames Zeitenbild über die Folgen einer Diktatur für Menschen, Familien und die haitianische Gesellschaft und damit einen Blick in die menschlichen Abgründe einer Diktatur, auf höchstem literarischen Niveau.
Sein literarisches Werk umfasst etwa dreißig Bücher, darunter das Kultbuch Mon Pays que voici (1968), eine lyrische Hymne an sein Heimatland, und die Romane Moins l'infini (Paris, Les Éditeurs Français Réunis, 1973, überarbeitet unter dem Titel Des fleurs pour les héros, Paris, Le temps des cerises, 2013, deutsch Denn wiederkehren wird Unendlichkeit, Berlin, Aufbau-Verlag, 1976) und Mémoire en Colin Maillard (Montreal, Editions Nouvelle Optique, 1976). Der Zwang des Unvollendeten erschien 2006 im Verlag Leméac, Montreal unter dem Titel La contrainte de l'inachevé. Anthony Phelps erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter zweimal den Preis der Casa de las Americas. Im Frühjahr 2014 hielt er sich im Rahmen des Projekts Kreyol, die Kultur des Widerstandes in der Karibik in der Künstlervilla Waldberta bei München auf.
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